Problematische Leitzinserhöhung

Juni 08, 2026

Durch den Engpass bei Öl und Gas aus der Sperre der Straße von Hormus stiegen die Energiepreise und alle damit verbundenen Produkte. So wird im Euroraum eine aktuelle Inflation von 2,9 % gemessen. Bei der nächsten Sitzung des EZB-Rats wird deshalb mit einer Erhöhung des Leitzinses gerechnet. Womöglich sogar um 0,5 %, um ein deutliches Signal gegen die Inflation auszusenden. Es könnte nur sein, dass die EZB der Reaktion der FED nicht zuvorkommen möchte und deshalb abwartet.

Bei dieser Inflation handelt es sich nämlich um eine sogenannte importierte. Weil Rohstoffe aus dem Ausland teurer werden, steigen die Verkaufspreise im Inland. Die Leitzinserhöhung soll eine Überhitzung der Konjunktur verhindern. Ihr liegt eine überhöhte Nachfrage zu Grunde. Diese ist aber zur Zeit nicht gegeben, vielmehr herrscht Kaufkraftzurückhaltung und der Handel klagt über mangelnde Nachfrage. Leitzinserhöhungen schränken den wirtschaftlichen Handlungsspielraum ein. Anders ausgedrückt: Das Geld wird teurer, vor allem bei Krediten. Deswegen können manche Investitionen nicht mehr ausgeführt werden – sie rechnen sich nicht mehr!

Mit der Leitzinserhöhung würgt die EZB also die eigene Wirtschaft im Euroraum ab, obwohl sie eigentlich Hilfe/Unterstützung bräuchte. Eine importierte Inflation lässt sich mit einer Leitzinserhöhung überhaupt nicht bekämpfen. Die Ursachen liegen ausserhalb des Euro-Raums und werden durch die Leitzinserhöhung nicht betroffen. Erst durch sinkende Nachfrage aus dem Euroraum aufgrund des Bremsens alles wirtschaftlichen Handelns wird der Preis für Öl und Gas etwas sinken. Dies steht aber in keiner Relation zu den Einbußen an Wohlstand durch die Zinsanhebung. Noch dazu müssten alle Notenbanken so handeln, damit der Welthandel gedämpft wird, um so die globale Nachfrage nach Gas und Öl zu vermindern. Deshalb wartet die EZB auf die FED.

Warum äußern sich die Wirtschaftswaisen nicht zu diesem Problem? Wenn ein Mittel schädigend wirkt, aber das Übel nicht abstellen kann, muss es ausgesetzt werden. Natürlich gibt es starke Mitnahmeeffekte aus der Verknappung der fossilen Energieträger: Auch wenn der Rohstoff aus Regionen kommt, bei denen keine Beeinträchtigung der Lieferung besteht, gehen alle Abgabepreise nach oben. Doch wenn z. B. ein Mineralölkonzern dadurch sog. Übergewinne einfährt, bekommt er damit so viel zusätzliche Liquidität, dass ihn die Zinserhöhung überhaupt nicht trifft. Dafür gilt umgekehrt: Er würde auch von einer Leitzinssenkung nicht profitieren. So kommt die revolutionäre Forderung, den Leitzins zu senken, damit die Wirtschaft entlastet ist. Der Wettbewerb reguliert die Preise am schnellsten nach unten. Wenn er funktioniert, braucht sich die EZB über eine importierte Inflation keine Gedanken zu machen.

Wenn der Staat auf Mineralölsteuer verzichtet, sinken die Preise für Kraftstoffe an den Tankstellen und damit die Inflation. Das ist eine sofort wirksame Maßnahme gegen die Inflation im Gegensatz zur Zinserhöhung. Doch da liegen unterschiedliche Zuständigkeiten vor. Die EZB steht in einem Erwartungskonflikt: Reagiert sie nicht plump mit Zinserhöhung, schwindet ihr Ansehen im Finanzsektor, beginnen Spekulationen gegen den Euro. Dann würden aus dem Kursverfall die Einfuhren noch teurer. Umgekehrt würde eine Leitzinsanhebung der EZB ohne einen Gleichschritt mit der FED den Euro-Kurs erhöhen. Das würde unsere Exporte aber verteuern. Doch würde dies wegen der US-Zölle gar nicht mehr so ins Gewicht fallen. Diese Gradwanderung könnte sehr zur Inflationssenkung speziell bei Öl und Gas beitragen. ek